IVSH-Bürokratiemonitor 2025: Bürokratiebelastung auf Rekordniveau – trickle-down-Effekte und EU bremsen Branche aus

Solingen, September 2025 – Der Industrieverband Schneid- und Haushaltwaren (IVSH) legt mit dem aktuellen Bürokratiemonitor 2025 wieder einmal eine umfassende und faktenbasierte Analyse der Bürokratiebelastung in der Branche vor. Die Ergebnisse sind alarmierend: In 2025 nehmen 83% unserer Unternehmen (und damit mehr als in 2024) die Belastungen als hoch oder sehr hoch wahr. Auch im 5-Jahrestrend ist keine Umkehr erkennbar. 98% (!) unserer Mitglieder berichten davon, dass in den letzten fünf Jahren die Anforderungen (deutlich) gestiegen sind – 2024 waren es „nur“ 92%. Noch eindrücklicher: In 2024 berichteten „nur“ 55% von einer starken oder sehr starken „Bremswirkung“ für ihr unternehmerisches Handeln (fehlende Zeit für Innovationen, etc.), 2025 sind es erschreckende 76%.

Besonders betroffen ist der Mittelstand, der unter steigenden Kosten, Zeitaufwand und trickle-down-Effekten innerhalb der Lieferkette leidet. Gerade KMU nehmen keine spürbare Entlastung wahr, was – wie der IVSH-Bürokratiemonitor 2025 eindeutig zeigt – insbesondere auch mit trickle-down Anforderungen, teils überzogenen oder unklarem Weiterreichen von Anforderungen innerhalb der Lieferkette zu tun hat.

Im Mittel verursachen klassische, staatliche Bürokratieanforderungen Kosten in Höhe 1,65 % des Jahresumsatzes (Median: 1,75 %). Hinzu kommen Kosten in Höhe von 1,06 % des Jahresumsatzes durch so genannte trickle-down-Effekte in der Lieferkette (Median: 1,13 %). Die Gesamtkosten liegen damit im Schnitt bei 2,28% des Jahresumsatzes. Betroffene Beschäftigte wenden durchschnittlich 12 Stunden pro Person und Monat für Bürokratie auf. Dreiviertel der IVSH-Mitglieder geben an, dass Bürokratie ihr unternehmerisches Handeln erheblich hemmt – ein dramatischer Anstieg gegenüber 2024 (55 %). 77 % Wettbewerbsnachteile, insbesondere gegenüber ausländischen Mitbewerbern, die weniger oder keine vergleichbaren Auflagen erfüllen müssen.

Die Folgen sind z.T. gravierend: denn all dies bindet Ressourcen, die für Innovation, Produktentwicklung und Investitionen dringend benötigt werden – hiervon berichten über 90% der IVSH-Mitglieder. Die Folge: Projekte werden verzögert, neue Produkte kommen später oder gar nicht auf den Markt, Investitionen werden nicht getätigt, Innovationen können nicht angegangen werden und die Wettbewerbsfähigkeit der Branche leidet.

„Bürokratie frisst Zeit, Marge und Innovationskraft – besonders im Mittelstand. Wir brauchen endlich spürbare Entlastungen, damit Unternehmen wieder investieren und innovieren können“, ergänzt Ralf Zimmermann, Vorsitzender IVSH.

EU Belastungstreiber No.1

Die Ursachen für diese Entwicklung sind vielfältig (mangelnde Digitalisierung der Behörden, unklare Anforderungen, teils widersprechende Regelungen), aber ein Faktor sticht negativ heraus: 87 % der Unternehmen sehen neue und bestehende EU-Verordnungen wie GPSR, EUDR, CSRD als besonders belastend, oft praxisfern und mit zu kurzen Fristen. Die Umsetzung ist häufig unklar, Leitfäden fehlen oder kommen zu spät, und die Harmonisierung zwischen den Mitgliedstaaten bleibt unzureichend. Der IVSH fordert daher, dass die EU künftig stärker auf Praxistauglichkeit, Proportionalität und realistische Übergangsfristen achtet und die Besonderheiten des Mittelstands konsequent berücksichtigt. Denn aktuell sind EU-Verordnungen der Belastungstreiber Nummer 1 – auch Omnibus-Verordnungen haben hieran nichts geändert.

Erstmals auch trickle-down Effekte erfasst: Ergebnisse erschrecken

Erstmals nimmt der IVSH-Bürokratiemonitor die sogenannten trickle-down-Effekte systematisch in den Blick. Gemeint ist die Weitergabe und Übertragung von Nachweispflichten, Dokumentationsaufwand und Compliance-Anforderungen entlang der Wertschöpfungskette – i.d.R. von großen Unternehmen oder Kunden an kleinere Zulieferer und KMU. In fast 70 % der Fälle ist für die betroffenen Unternehmen nicht oder kaum transparent, auf welche gesetzliche Grundlage sich die Anforderungen beziehen. 54 % empfinden die Anforderungen als „kaum transparent“, 11 % sogar als „gar nicht transparent“. Die Kosten für diese trickle-down-Effekte werden im Mittel mit 1,06 % des Jahresumsatzes beziffert. 35 % bewerten den Aufwand als „vergleichbar“ mit gesetzlichen Pflichten, bzw. behördlichen Anfragen, 46 % als „höher“ oder „deutlich höher“. 50 % der Unternehmen haben bereits Aufträge oder Partnerschaften abgelehnt, weil die Anforderungen zu aufwendig oder unklar waren.

„Die trickle-down-Effekte innerhalb der Lieferkette sind mittlerweile fast genauso belastend wie staatliche Anforderungen. Hier sind alle Partner in der Pflicht, für mehr Augenmaß zu sorgen“, betont Jan-Frederik Kremer, Geschäftsführer IVSH.

Bundespolitik hat Problem erkannt

Gleichzeitig erkennt der IVSH ausdrücklich an, dass das Thema Bürokratieabbau inzwischen endlich auch politisch höchste Priorität genießt. Die neue Bundesregierung hat das Thema zur Top-Priorität erklärt und erste positive Entwicklungen sind erkennbar – etwa durch gezielte Korrekturen überbordender Komplexität und die Vermeidung von zusätzlichem „Gold-Plating“ bei der nationalen Umsetzung von EU-Vorgaben. Einige Rückmeldungen aus den Unternehmen zeigen, dass erste Maßnahmen Wirkung zeigen und der Dialog mit der Wirtschaft verbessert wurde. Dennoch bleibt der Handlungsbedarf groß, insbesondere mit Blick auf die Umsetzung und die tatsächliche Entlastung im Alltag der Unternehmen.

Bürokratiemonitor macht Vorschläge für Entlastung

Der IVSH-Bürokratiemonitor macht wieder unzählige konkrete Vorschläge für sinnvolle Entlastungen und Verbesserungen. Von einem rechtlich verbindlichen Cut-Off in der Wertschöpfungskette, um die Übertragung von Berichtspflichten auf KMU zu unterbinden, über die Einführung von zero-risk Kategorien, einer klaren Begrenzung des Anwendungsbereichs von Sorgfaltspflichten auf direkte Geschäftspartner, Digitalisierung und bessere Vernetzung der Behörden, verbindliche Standards und Templates für Compliance-Reporting, einen verpflichtenden KMU-Check mit Bürokratie-TÜV für neue Regelungen sowie eine praxistaugliche EU-Umsetzung mit realistischen Fristen und funktionierenden Guidelines.

IVSH-Bürokratiemonitor 2025 zum Download

Am Bürokratiemonitor 2025 nahmen rund 80 % der IVSH-Mitglieder teil, was eine hohe Rücklaufquote darstellt und auf die Bedeutung des Themas für die Unternehmen hinweist. Die Struktur und Verteilung der Teilnehmenden spiegeln die Branche repräsentativ wider. Dabei haben wir quantitative Methoden (Survey) mit qualitativen Tiefeninterviews kombiniert, um eine möglichst hohe und fundierte Aussagekraft zu erreichen.